Leseprobe "Ich schnarche nicht"

Ich schnarche nicht

Der liebe Gott hat mich nicht mit äußerer Schönheit gesegnet. Als Ausgleich dafür hat er mich mit einem gesunden Schlaf ausgestattet. Meine Frau behauptet, ich würde schon zehn Minuten bevor ich ins Bett gehe schlafen. Na, ja, Frauen übertreiben ja gerne. Ich verstehe nicht, dass Frauen immer dann Probleme besprechen wollen, wenn Männer schlafen wollen. Warum würde ich sonst ins Bett gehen? Der Mann legt sich hin, weil er müde ist. Frauen gehen ins Bett, weil man ihnen dann nicht mehr entfliehen kann. Während mir nach einem arbeitsreichen Tag die Augen zufallen, will sie erforschen, warum unsere Nachbarn schon wieder nach Indien in Urlaub fahren. Ich murmele noch, dass sie wahrscheinlich Kühe mögen und schlafe ein. Meine Frau glaubt mir nicht und fragt, ob ich schon schlafe. Da ich zur Sicherheit nicht mehr antworte, weckt sie mich. Sie hat gestern Nacht geträumt, dass sie nackt durch unser Dorf laufe und will jetzt von mir wissen, warum ich nichts dagegen unternommen habe. Ich versuche ihr zu erklären, dass ich nicht wusste, dass sie nackt durch die Strassen laufe. Darauf ist sie beleidigt und wirft mir vor, mich zu wenig um sie zu kümmern. Ich halte mir mit zwei Fingern die Augenlider hoch und schwöre ihr, bei ihrem nächsten Traum einen Bademantel vorbei zu bringen. Sie fängt an zu schluchzen, weil ich ein Geizhals sei. Erst als ich ihr verspreche, morgen das neue blaue Kostüm für sie zu kaufen, gibt sie meine Bettdecke wieder her. Erschöpft schlafe ich ein und beschließe, morgen erst vom Bären nach Hause zu kommen, wenn sie schon schläft. Schließlich muss ich um sechs Uhr aufstehen, während meine Frau erst um neun Uhr ihren Schönheitsschlaf beendet.

Nach einer Stunde weckt sie mich. Sie behauptet, dass ich schnarche. Lächerlich! Das ist nur ihre Rache, weil sie angeblich stundenlang neben mir liegt und nicht einschlafen kann. Wahrscheinlich, weil sie sich immer noch nicht entschieden hat, ob sie ihre Haare nun blond oder kastanienbraun färben lassen soll, damit es zu ihrem blauen Kostüm passt.

Gut, ich gebe zu, wenn ich etwas getrunken habe, kann es schon einmal vorkommen, dass ich schnarche. Ich merke es an dem ausgetrockneten Hals am nächsten Morgen. Aber ich betrinke mich sehr selten.

Normaler Weise trinke ich abends zum Vesper nur ein Bier. Vor dem Fernseher trinke ich meist etwas Wein, um das Schlaganfallrisiko zu senken. Nur wenn das Vesper besonders fett war, trinken meine Frau und ich noch einen Schnaps. Ich versuche damit nur, meiner Leber zu helfen. Alkoholähnliche Getränke wie Sekt oder Kaffee lehne ich grundsätzlich ab. Mein Onkel Gustav hat mir vertraulich gesagt, dass sie bei einem Mann den Alterungsprozess beschleunigen.

Meine Frau behauptet, mich mehrmals in der Nacht zu schütteln, mir die Nase zuzuhalten und mir die Bettdecke über das Gesicht zu ziehen. Ich habe davon noch nie etwas gemerkt. Ich habe ihr vorgeschlagen, mit einem Psychologen mal darüber zu sprechen.

Neulich hat sie mir ein Gerät angeklemmt, das über zwei Elektroden ständig am Hals die Zunge stimuliert und verhindert, dass sie in den Rachenraum fällt. Ich habe tatsächlich nicht mehr geschnarcht. Durch den Stromreiz habe ich stattdessen die ganze Nacht leise vor mich hingelacht. Da meine Frau sich einbildet, ich habe über sie gelacht, darf ich ab sofort wieder schnarchen. Sie schläft jetzt im Gästezimmer.

Dann muss ich ihr auch keinen Bademantel bringen, wenn sie wieder nackt durch das Dorf läuft.

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Herr Erich Koch
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