Leseprobe "Beim Tierarzt"

Beim Tierarzt

Unser Hund frisst nicht mehr. Ich tippe auf Liebeskummer. Unsere Nachbarn sind mit ihrer Hündin, eine attraktive Pudeldame, in Urlaub gefahren. Meine Frau behauptet, dem Hund fehle es an Bewegung. Dabei blickte sie mit einem seltsamen Augenaufschlag auf meinen Bauch. Ich weiß nicht, was sie meint. Mein Appetit ist ungebrochen. Schließlich entschlossen wir uns, mit ihm zum Tierarzt zu gehen. Der Hund versteht jedes Wort. Die achthundert Meter bis zu Dr. Metzger musste ich ihn am Halsband hinter mir her ziehen.

Das Wartezimmer war brechend voll. Mein Freund Peter war mit seinem sprechenden Papagei da. Ein hochintelligentes Tier. Peter will ihn einschläfern lassen. Nein, der Papagei sei nicht krank. Seine Frau sei in der Kur gewesen. Als sie nach vier Wochen zurückgekommen sei, habe er Champagner gekauft, kleine Kanapees mit Lachs und Kaviar gemacht und sechs Kerzen angezündet. Gerade als er seine Frau ins Schlafzimmer tragen wollte, habe der Papagei geschrieen: „Komm in mein Bettchen, Babettchen.“ Seine Frau heißt Magda. Die Witwe nebenan heißt Babette. Seine Frau hat ihm nicht geglaubt, dass der neue Schlager von den Toten Hosen so lautet und jeden Tag dreimal im Radio gespielt wird.

Obwohl er ihr ewige Treue geschworen hat, will sie ihn verlassen. Wenn es soweit kommt, dass Ehefrauen Papageien mehr glauben als dem Ehemann, hat Alice Schwarzer ihr Ziel erreicht. Peter hat Babette sogar geschrieben, dass er von ihr nichts mehr wissen will. Trotzdem glaubt seine Frau dem Papagei. Das ist auch kein Wunder, der Papagei wurde von ihrer Mutter dressiert. Wenn seine Frau zu Hause ist, spricht der Papagei nur französisch, damit Peter nichts versteht. Tiere sind falsch. Sie halten immer zu den Frauen. Manchmal habe ich auch den Verdacht, dass Hasso meiner Frau alles erzählt. Woher sollte sie sonst wissen, dass ich einen Hunderteuroschein im Socken hatte? Nur Hasso und Opa haben das gewusst.

Und Opa sagt nichts. Männer halten zusammen. Ich stelle Opa jeden Abend, wenn ich vom Bären komme, noch einen „Feigling“ vor die Tür.

Hasso lag immer noch völlig apathisch da. Ich weiß aber, dass er jedes Wort verstanden hat. Denn als ich von Kastration gesprochen habe, hat er die Pfoten über die Ohren gelegt und die Hinterbeine zusammen geklemmt.

Frau Hasenpusch war mit ihrer Katze da. Sie ist allergisch gegen Mäuse, die Katze, meine ich. Das muss sich bei den Mäusen herumgesprochen haben. Frau Hasenpusch erzählte, dass in ihrem Haus ganze Mäusegenerationen Familienzusammenführungen feierten. Gestern habe sie zweihundert und zwei Mäuse gezählt. Darauf habe sie zwar Mausefallen aufgestellt, aber nur die Katze sei hinein getreten. Sie selbst habe in der Falle ihren großen Zeh verloren. Wenn der Doktor ihre Katze nicht heilen könne, wolle sie ins Altersheim ziehen.

In diesem Augenblick krächzte der Papagei: „Babettchen ins Altersheim.“ Wie gesagt, ein intelligentes Tier. Mein Hasso muss das missverstanden haben. Er schnappte kurz zu und verschluckte den Papagei mit einem Biss. Da er offensichtlich seinen Appetit wieder gefunden hatte, ging ich mit ihm nach Hause. Meine Frau behauptet, heute Nacht habe Hasso im Schlaf gesprochen. Allerdings habe sie ihn nicht verstanden, da es französisch geklungen habe.

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